Recherchematerial I

Das Buch ist, was der Titel sagt: Ladinische Einblicke von Marco Forni - meine "Bibel" zu Alltag und Bauernleben im Gadertal

Schon beim letzten Projekt "So finster, so kalt" bin ich, obwohl es sich um eine fantastischen Roman handelt, durch exzessive Recherche aufgefallen. Meine Lektorin nennt es ganz zu Recht übersteigerten Hang zum Realismus. Ich lege großen Wert auf Genauigkeit, jede Abweichung von den tatsächlichen Gegebenheiten fällt mir schwer.

Und während ich es für legitim halte, wahre Vorkommnisse zugunsten der Spannung aufzupeppen, fällt es Lesern andererseits sofort auf, wenn "wirklich" etwas nicht stimmt. So beginne ich zu recherchieren: Über das Bauernleben im Gadertal, über den Ersten Weltkrieg (was ziemlich einfach ist, denn Zeitungen und Internet sind gerade jetzt voll davon), über die politischen Zusammenhänge (die werde ich nicht groß ansprechen, keine Sorge!).

Es ist eine merkwürdige Sache: Zum Beispiel gibt es über das Mittelalter Berichte, Analysen, Ideen, letzten Endes bleibt diese Epoche jedoch fremd und man behält Abstand (Mal ehrlich: heutige Mittelaltermärkte sind eine ganz schön verklärte Idee dieser Zeit.).

Vom Beginn des 20. Jahrhunderts gibt es dagegen Zeitungen, Bilder, zum Teil sogar noch mündliche Überlieferung (mit einer vermittelnden Generation, zum Beispiel, wenn meine Oma von ihren Eltern erzählt).

Eine Quelle, in der ich mich seit Beginn manchmal stundenlang festlese, die Landesbibliothek Dr. Friedrich Tessmann. Dort sind u.a. alle für mich relevanten Zeitungen digitalisiert. Hier zum Beispiel die Ausgabe der Zeitung der Tiroler mit dem berühmten Kaisermanifest, mit dem sich der Habsburger Kaiser Franz Joseph I. (ja, der mit der Sisi, die ist zu der Zeit aber schon verstorben) zu Kriegsbeginn an seine Völker wendet: Der Tiroler vom 30.07.1914

Mit andern Worten: Ich kann wortwörtlich lesen, was meine Protagonisten gelesen hätten, wenn sie wirklich gelebt hätte. Für mich als Autorin ist das eine ungewohnte Vorstellung.

Der Handlungsort – Die Region

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Regenbogen über den Wiesen bei La Ila (La Villa/ Stern)

Der Haupthandlungsort ist das Gadertal in Südtirol, auf Italienisch und Ladinisch Val Badia genannt. Die deutsche Übersetzung ist damit schon falsch, denn der namensgebende Fluss Gader heißt auf Ladinisch La Gran Ega, was mit Das Große Wasser zu übersetzen wäre. Badia bedeutet im Italienischen/ Ladinischen dagegen Abtei, womit die seltener verwendete Bezeichnung Abteital eigentlich die richtigere ist.

Verwirrend? Ja. Das hat mit der Geschichte dieser Region zu tun. Die Menschen im Gadertal sprechen bis heute Ladinisch, das im antiken Lateinisch wurzelt und (vielleicht - da scheiden sich schon die sprachwissenschaftlichen Geister) mit dem Räto-Romanischen verwandt ist.

Obwohl sowohl Deutsch (u. a. unter der österreichischen Kaiserin Maria Theresia) als auch Italienisch (u.a. durch den italienischen Faschismus zwischen den Weltkriegen) seine Spuren hinterlassen hat, haben sich die ladinischen Sprachinseln bis heute gehalten.

Heute ist das Gadertal Teil der Europaregion Tirol-Südtirol-Trentino und Ladinisch als ethnische Minderheitensprache anerkannt. Ortsnamen sind in allen drei Sprachen angegeben und auf Wanderkarten findet sich ein wildes sprachliches Gemisch für die Namen der Berge, Täler und Seen.

Ich habe mich noch nicht entschieden, ob ich im Roman die ladinischen oder die damals offiziellen deutschen Ortsnamen verwende. Meine Protagonisten sprechen Ladinisch (hauptsächlich - dazu später) und ich streue einzelne ladinische Begriffe ein. Für die Ortsnamen wirkt es jedoch merkwürdig und stört teilweise sogar den Lesefluss.

Was Google denkt?

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Erfrischend kalt: der Valparola-See

Aktuell schreibe ich einige Kapitel, die sich im Winter 1915/16 zutragen. Dazu suche ich Informationen über Erfrierungen beziehungsweise darüber, was genau körperlich vor sich geht, wenn ein Mensch erfriert, wie schnell das geht, welche Gegenmaßnahmen möglich sind usw.

Das wäre alles nicht erwähnenswert, wenn im Reallife am Niederrhein nicht gerade (Juli 2015) eine Hitzewelle herrschen würde.

In solchen Moment stelle ich mir gerne vor, wie irgendwo ein „Alarm für seltsame Suchanfragen“ läutet und jemand verdutzt auf meinen Verlauf schaut...