Zwischenstand Textarbeit

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Laut Zollpapieren 4,110 Kilogramm Geschichte - mit Widmung :-)

Am Wochenende bringt der Paketbote ein weiteres Buch, mit dem ich das ganze Jahr gearbeitet habe. Ich habe es zunächst über die Landesbibliothek Düsseldorf geliehen und Scans gemacht, aber nach der ganzen Zeit will ich es dann doch "in echt" mein Eigen nennen.

Für das Manuskript bzw. die Authentizität ist es ein wichtiger Baustein - und kommt meinem bereits erwähnten übersteigerten Hang zu Recherche und Realismus entgegen. Aus diesem Buch stammt beispielsweise die bei Elisas Vater erwähnte Landflucht aufgrund mehrerer Viehseuchen in den 1880ern.

In der Zwischenzeit erfährt der Text eine dramatische Veränderung. Ca. 90 Seiten werden am Anfang weggekürzt. Das fühlt sich an wie eine Amputation, wie mein Kollege Bernhard Hennen einmal treffend bemerkt hat.

Dieses Mal ist es aber meine freie Entscheidung (anders als bei meinem Debütroman "Hüter der Worte", wo die fehlenden Teile heute noch Phantomschmerz verursachen.) und keine, die aus formalen Zwängen oder verlagsseitigen Vorgaben resultiert.

Die Seiten sind Ballast, stören, sind - ganz hart gesagt - überflüssig. Drei von fünf Testlesern haben das Gefühl, dass die Geschichte erst auf Seite 90 anfängt.

Soll sie also. Weg mit dem Rest.

Elisas Mutter: Anna Pertinger aus Graz

Anna ist eine virtuose Apfelstrudelbäckerin - Über das "richtige" Rezept wird noch zu reden sein.

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Apfelstrudel aus einem dunklen Mürbeteig mit Vanillesoße und Pinienkernen auf der Scotoni-Hütte

Über Elisas Mutter erfahren die Leser im Buch sehr wenig. Das ist kein Zufall, sondern entspricht ihrem Naturell, im Hintergrund zu bleiben.

Anna Pertinger entstammt als drittes von vier Kindern einer aufstrebenden Arbeiterfamilie. Ihr Vater hat sich um die Jahrhundertwende als einer der ersten in den neu entstehenden Manufakturen beworben und wird schnell Vorarbeiter. Er bringt genug Geld nach Hause, und mit der klugen Wirtschaft der Mutter können beide ihren Kindern eine angemessene Schulbildung und kleine Freiheiten gewähren. Zum Beispiel dürfen die drei Töchter selbst entscheiden, wann und wen sie heiraten. So lässt Anna sich mit der Partnersuche Zeit, bleibt auch als Erwachsene in der großen Wohnung ihrer Eltern und sorgt als Näherin für ihr eigenes Auskommen.

Anna ist eine stille junge Frau, die lieber liest (und diesen Wissensdurst könnte ihre Tochter Elisa durchaus von ihr geerbt haben) oder handarbeitet (da schlägt Elisa gar nicht nach ihr), statt sich den Vergnügungen der Großstadt hinzugeben. Und so ist es vielleicht kein Wunder, dass sie sich in den zurückhaltenden ladinischen Wanderarbeiter verliebt, der ebenfalls nichts von Trubel wissen will und nicht gern unter fremden Menschen ist, sondern jeden Heller spart, um im fernen Südtirol eines Tages seinen Hof wieder aufzubauen.

Die beiden kommen sich schnell näher. Ein paar neidische Nachbarn werfen Josef bei seiner Partnerwahl Berechnung vor, weil Anna eine beträchtliche Mitgift mitbringt, mit der er schon ein Jahr später neues Vieh kaufen und sogar seinen Hof ausbauen kann, doch da ist nichts dran. Er liebt und verehrt seine Anna, die einen weit größeren Einfluss auf ihn hat, als beide sich je eingestehen würden. Und niemals hat er mehr Angst um sie als bei Elisas Geburt, die so schlecht verläuft, dass sogar ein Arzt hinzugerufen werden muss.

Anna bringt acht Kinder zur Welt, von denen drei schon als Kleinkinder sterben. Sie liebt natürlich alle, allerdings hat sie zu ihrer einzigen Tochter ein sehr besonderes Verhältnis. Und ihr heimlicher Liebling bleibt Mischi, ihr drittgeborener. Vielleicht, weil er in manchen Dingen seinem Vater am ähnlichsten ist.

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Elisas Vater: Josef Kastlunger

Die Zeit war prüde, aber auf einer Pfeife durfte es frivol zugehen...

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Zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist es unter den Männern (und zum Leidwesen vieler zunehmend auch unter den Frauen) üblich zu rauchen. Eine solche Porzellanpfeife benutzt Josef Kastlunger (Exponat auf einer Ausstellung zum Großen Krieg im Gadertal; La Ila, September 2015)

Josef Ferdinand kommt 1855 als zweiter Sohn und sechstes von neun Kindern in Val Badia auf die Welt. Seine Eltern, Magdalena und Ojöp, stehen mit einem großen Hof wirtschaftlich gut da, so dass kein Kind, wie zu der Zeit üblich, als Knecht oder Magd in andere Täler geschickt wird. Das liegt unter anderem daran, dass Josefs Vater zu der Zeit beginnt, den Bauernhof stärker auf Milchwirtschaft umzustellen und den unergiebigen Ackerbau zunehmend vernachlässigt.

Als Josef ungefähr zehn Jahre alt ist, ereilt die Familie der erste Schicksalsschlag. In einem Winter sterben gleich drei Geschwister und seine Mutter an einer Masernepidemie. Die älteste Schwester übernimmt mit nur zwölf Jahren die Aufgaben der Mutter im Haus. Im folgenden Frühjahr brennt die halbe vila ab, der älteste Sohn und Hoferbe Anton kommt bei dem Versuch, das Vieh zu retten, ums Leben. 

Ojöp Kastlunger wagt einen ungewöhnlichen Schritt: Er verkauft einen Teil des Hofes an seinen Freund Rudolf Costa (= Vitos Großvater väterlicherseits), um Geld für eine größere majun und Vieh zu haben.

Lange Jahre geht es den Familien der vila gut. Rudolf Costa baut eine neue ciasa und hat für seine Familie ein bescheidenes aber ausreichendes Auskommen. 

Kaum hat Josef mit 26 Jahren als nun einziger Sohn den Hof übernommen, wird ihm die einst so fortschrittliche Entscheidung seines Vaters zum Verhängnis: Mehrere Viehseuchen vernichten die Lebensgrundlage der Familie. Als sein Vater 1885 stirbt, droht der Familie sogar Hungersnot.

Josef Kastlunger gibt, wie viele andere zu der Zeit, den Hof auf und zieht auf der Suche nach Arbeit in den Norden der Habsburgermonarchie bis nach Graz.
Von seinem Vater hat er das Schreinern und Tischlern gelernt. Viele Gebäudeteile in der vila sind aus Holz, es ist notwendig, sie instand zu halten und reparieren zu können. Die Anfertigung von Möbeln bringt im Winter zusätzliches Einkommen. Doch Josef hat auch eine Vorliebe für solche Arbeiten. Mit Fleiß und Geschick macht er sich einen Namen und verdient gutes Geld.
Und als er eines Sommertages auf dem Vordach eines Anwesens hockt und die Holzkonstruktion ausbessert, schaut er zufällig auf die Straße und erblickt das schönste Mädchen, das er jemals gesehen hat... 

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