Istitut Micurá de Rü: Interview mit Veronica Craffonara Teil 1

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Das Istitut und die Bibliothek in Sankt Martin in Thurn

Schon in meinem Debütroman „Hüter der Worte“ habe ich den Dolomiten als „Nordgebirge“ meiner fantastischen Welt ein literarisches Denkmal gesetzt. Auch ist es ein paar Lesern aus Österreich und der Schweiz nicht entgangen, dass meine Fantasy-Sprache auf dem Ladinischen beruht. Tatsächlich habe ich mich damals hemmungslos im Online-Wörterbuch des Istitut Micurá de Rü bedient und das Gadertalisch meinen Bedürfnissen angepasst.

So ist der Weg zum Istitut und seiner Biblioteca in San Martin nicht mehr weit, als ich „richtig“ angefangen habe, über die Ladiner und ihre Heimat zu recherchieren. Ein Riesendankeschön gilt daher Veronica Craffonara, die mich vom Beginn meiner Suche an und im Laufe der Monate mit zuverlässiger Begeisterung unterstützt hat.

Und da wir uns auch ein wenig angefreundet haben, liegt es nahe, Veronica zum Leben in und mit den „bleichen Bergen“ zu interviewen. 

Hier kommt Teil 1 unseres Interviews von September 2015, in dem es um das Leben oder das Fortkommen in den Bergen geht, und was sich in den letzten 100 Jahren geändert hat.

Liebe Veronica,
vielen Dank, dass du dir die Zeit für meine Recherchen und dieses Interview genommen hast. Im Gegensatz zu mir stammst du aus dem Gadertal und daher würde ich mich freuen, wenn du meinen Leserinnen und Lesern einen Einblick in dein Leben dort gibst.
Wir haben uns über deine Tätigkeit als Bibliothekarin im Istitut Micurà de Rü kennengelernt. Was machst du genau und wie war dein Werdegang dorthin?

Ich bin Bibliothekarin in dieser „One-Women-Library“, also kümmere ich mich um alles: Bestellung, Katalogisierung, Ausleihdienst usw. Ich bin schon seit einigen Jahren hier angestellt. Ich habe zuvor Grund- und Mittelschule hier im Gadertal besucht, die Oberschule in Brixen und anschließend ein Bakkalaureats-Studium in Europäischer Ethnologie in Innsbruck absolviert. Während eines Praktikums habe ich die Arbeit in der Bibliothek des Ladinischen Kulturinstitutes kennengelernt und mich in sie verliebt. Gegen Ende des Studiums ergab sich dann eine Stelle als Mutterschaftsvertretung und ich habe diese Chance gleich genutzt und mein Studium parallel beendet.

In meinem Roman ist der Weg von der fiktiven Vila Kastlunger bis nach Bruneck immer eine halbe Weltreise. Selbst heutzutage dauert die Fahrt auf der Gadertaler Straße trotz einiger Tunnel eine gewisse Zeit. Wenn du irgendwohin möchtest, musst du immer über die Berge oder um sie herum. Wie empfindest du das? Wie lang war zum Beispiel dein Schulweg nach Brixen?

Ja das stimmt. Leider muss ich immer recht weit fahren. Ich glaube, ohne eigenes Auto würde ich mich hier nicht wohl fühlen. Ab Bruneck sind die Zugverbindungen recht gut, aber bis dort braucht man einen Wagen. Als ich in Brixen zur Schule ging, habe ich im Internat gewohnt. Das heißt ich fuhr Sonntagabend nach Brixen und Samstagnachmittag wieder nach Hause.

Damit sind wir auch schon bei deiner Heimat. Ich kenne die Dolomiten bisher nur als Sommertouristin. Was ist für dich als Ladinerin das Besondere, mitten im Herz der „bleichen Berge“ zu leben?

Das ist eine einfache Frage. Das Besondere sind die Berge und die Natur im Allgemeinen. Vor allem ist die Natur hier sehr vielseitig und man kann allesmögliche machen und erleben. Von einfachen Spaziergängen zu schwierigen Kletterrouten, man hat alles hier vor der Haustür.

Gibt es auch Dinge, die du nicht so gern magst?

Ja, das gibt es natürlich auch. Was ich nicht mag, ist der Weg um zu einem Flughafen zu gelangen. Innsbruck liegt zwar nicht so weit weg, aber da kosten die Flüge sehr viel. Um in den Urlaub zu fliegen oder Städte anzuschauen müssen wir halt immer sehr lange fahren, dass ist meistens umständlich. Vor allem für Leute wie mich, die nicht so gern Autobahn fahren.
Eine andere Sache, die ich nicht so gerne mag, ist, dass die Leute ab und zu recht zurückhaltend sind. Ich habe zum Beispiel in Innsbruck viel leichter Freunde gefunden und Menschen, die meine Interessen teilen. Hier muss man sich immer organisieren um sich zu treffen, man muss fast immer mit dem Auto fahren und das ist auf Dauer anstrengend, zumindest für mich. In einer Stadt trifft man sich zufällig oder kann zu Fuß oder mit dem Bus fahren. Das ist aber, glaube ich, eine Besonderheit die man überall in ländlichen Gegenden findet.
Ein kleines Detail noch dazu: ich mag eigentlich jede Jahreszeit in den Bergen. Aber in Sommer kann man halt allesmögliche unternehmen. Im Winter, wenn es viel Schnee gibt, ist die Landschaft atemberaubend, das Fortbewegen ist aber anstrengender! Man muss halt Schneeketten ans Auto anlegen können ;-)!
Ich genieße aber die Wintermonate sehr, da hat man dann umso mehr Zeit zu lesen ;-).

Du hast auch erzählt, dass dein Vater noch einen kleinen Bauernhof betreibt, genau wie meine beiden Romanfamilien vor einhundert Jahren. Könntest du dir vorstellen, heute so zu leben?

Ja das stimmt und ich schätze mich glücklich dort aufgewachsen zu sein. Ich hatte eine schöne Kindheit, ich musste zwar recht schnell mitanpacken, aber ich habe sehr viel gelernt: Respekt vor der Natur und den Tieren vor allem. Ich könnte aber mir nicht vorstellen den Bauernhof zu übernehmen. Da ist man natürlich komplett gebunden. In der Früh vor der Arbeit aufstehen und melken gehen. Am Abend nach der Arbeit auch wieder. Man kann kaum weggehen, alles dreht sich um den Hof. Die ganze Freizeit geht fast in Hofarbeiten auf. Das ist nicht jedermanns Sache.

Du hilfst auf dem Hof mit. Machst du das gern, ist es vielleicht sogar ein Ausgleich zu deiner Büro- und Computerarbeit in der Biblioteca?

Ja, ich bin sehr gerne zu Hause, auch wenn ich nicht mehr dort wohne. In und mit der Natur arbeiten, gibt mir ein sehr gutes Gefühl. Als Bibliothekarin hat man eher eine geistige Arbeit und mir fehlt ab und zu das Praktische. Beim Heu-machen oder bei den anderen Arbeiten auf dem Hof sieht man, wofür es gut ist, es kommt sozusagen direkt auf den Tisch. Man hackt selber Holz, um danach das Haus zu heizen, das ist ganz anders als Holz kaufen zu gehen.

Hier geht es zum zweiten Teil unseres Interviews