Istitut Micurá de Rü: Interview mit Veronica Craffonara Teil 2

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Veronica an ihrem Arbeitsplatz in der Biblioteca des Kulturinstituts

Im zweiten Teil unseres Interviews erzählt mir Veronica Craffonara von ihrer Mehrsprachigkeit, was sie gern liest und welche Dolomitensage ihr am besten gefällt

Hier geht es zum ersten Teil

Kommen wir zum zweiten Teil unseres kleinen Interviews.

Eine weitere Besonderheit am Gadertal ist die ladinische Sprache, die in fünf Tälern gesprochen wird, ansonsten aber eine Sprachminderheit darstellt. Wenn ich dich richtig verstanden habe, bist du mit allen drei Sprachen aufgewachsen und beherrscht sie fließend. 

Ja genau. Ich bin mit Ladinisch, Deutsch und Italienisch aufgewachsen.

Welche Sprache würdest du persönlich denn als deine „Muttersprache“ bezeichnen? Sprichst du eine Sprache lieber als eine andere? 

Ladinisch ist eindeutig meine Muttersprache. Ich spreche alle drei Sprachen fließend, was ich als großen Vorteil empfinde. Ich kann aber dafür keine Sprache perfekt, was dann eher nachteilig ist. 

Ist das im Grunde von den Menschen abhängig, mit denen du sprichst?

Es hängt von meinem Gegenüber ab, in welcher Sprache ich spreche. Zu Hause und bei der Arbeit spreche ich meistens Ladinisch. Ansonsten passe ich mich an. Wenn ich merke, dass mein Gesprächspartner lieber Deutsch spricht spreche ich Deutsch und genauso mit dem Italienischen. Mir ist es im Grunde egal. Ich kann eigentlich recht schnell hin und her wechseln.

Dieses spontane Wechseln italienisch-deutsch oder umgekehrt habe sogar ich schon erlebt. Tatsächlich habe ich den Anspruch, zum Beispiel in den Touristenhochburgen am Gardasee Italienisch zu sprechen – aber in Südtirol kommt das nicht immer gut an...
Über die Sprachen kommen wir zu Geschichten. Du bist Bibliothekarin und liest selbst viel und gern. In welcher Sprache denn am liebsten?

Ich lese vor allem Romane und in ladinischer Sprache gibt es kaum Romane, deshalb geht meine Muttersprache beim Lesen eher leer aus. Ich mag aber die deutsche Sprache mehr als die italienische und lese deshalb oft deutsche Bücher. Ich versuche aber generell die Bücher in der jeweiligen Originalsprache zu lesen. Bei italienischen, deutschen und ladinischen Autoren bin ich eigentlich sehr konsequent, Englisch ist für mich anstrengender zu lesen, deshalb greife ich da meistens auf Übersetzungen zurück.

Und welche Bücher magst du besonders? Welches Genre liegt dir am Herzen?

Ich lese am liebsten Romane, die ein bisschen philosophisch sind und mich zum Weiterdenken anregen. Durch meine Arbeit versuche ich aber immer wieder andere Genre zu lesen und werde oft positiv überrascht. Womit ich aber überhaupt nichts anfangen kann, sind Frauenromane und Liebesgeschichten. 

Oh je, dann bin ich gespannt, ob Elisa und Vito dich überzeugen werden...
Mein literarisches Herz hängt ja an der Fantastik, und so habe ich mich schon sehr früh auf die Sagen eurer Region gestürzt. König Laurin und sein Rosengarten ist in Deutschland recht bekannt, aber zum Beispiel vom Fanes-Lied um Prinzessin Dolasila und anderen Sagen aus dem Gadertal habe ich zuvor nie etwas gehört. Wie ist dein Bezug zu diesem „literarischen Erbe“

Ich mag diese Legenden sehr gerne und habe sie auch ein paar Mal gelesen. Natürlich finde ich die Geschichte um Dolasila sehr spannend, vor allem da ich selber eine Zwillingsschwester bin. Außerdem liebe ich die Gegend in der sie spielt. Leider werden diese Legenden oft „missbraucht“ und sind irgendwie omnipräsent, das kann dann ab und zu nervig sein. Vor allem wenn sie verharmlost werden und als Kindermärchen dargestellt werden, das finde ich nicht richtig.

Gibt es eine Sage, die du besonders gern magst?

Meine liebste Geschichte ist eigentlich die um Moltina: Die junge Moltina wächst bei den Murmeltieren und der Gana auf. Eines Tages lernt sie den Prinz der Landrins kennen und verliebt sich in ihn. Sie zieht zu Tal und heiratet ihn. Bei einer Abendgesellschaft wird sie dann über ihre Vorfahren befragt. Sie schämt sich so sehr zu sagen, dass sie bei den Murmeltieren aufgewachsen ist, dass sie ganz rot wird. Die Berge, die mit ihr fühlen, färben sich auch rot. Sie flieht wieder in die Berge, und der Prinz folgt ihr. Nun wohnen sie dort oben glücklich mit den Murmeltieren. Ich mag diese Geschichte, weil ich auch glaube, dass bestimmte Menschen einfach in die Berge gehören und sich anderswo nicht wohlfühlen. Zumindest interpretiere ich die Legende so.

Hm, hast du nicht vorhin noch gesagt, dass du nicht so gerne Liebesgeschichten magst...? ;-) Tatsächlich mag ich die gerade Geschichten um das heimliche Wirken der Murmeltiere auch sehr gern.
Ich glaube, du würdest dich mit Elisa Bruder Mischi sehr gut verstehen. Er liebt das Holzschnitzen und die Berge, würde am liebsten lizensierter Bergführer werden. Wie viele andere junge Männer muss er 1914 an die Ostfront.
Darüber sagt er zu Elisa: „Die Berge habe ich in den ersten Tagen am schmerzlichsten vermisst. Es klingt verrückt, aber wenn ich diese weite Gegend vor mir hatte, dann kam es mir wirklich so vor, als ob man am Ende des Horizonts von der Erde fallen könnte. Die Berge haben mich immer beschützt.“

Ja, das gefällt mir!

Liebe Veronica, ganz herzlichen Dank für deine Zeit! Du warst mir in den Monaten meiner Recherche eine kompetente und wertvolle Unterstützung! Ich hoffe sehr, dass dir das Ergebnis deiner Arbeit auch gefällt, aber das werden wir erst im Sommer 2016 herausfinden. 

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Ich schrieb Veronica Craffonara im Juli 2014 zum ersten Mal an und bat sie um die Unterstützung bei meiner Recherche. Im Laufe der Monate entwickelte sich ein reger Email-Wechsel, in dem ich unendlich viele dumme Fragen stellen durfte und sie mich mit Antworten, Hinweisen, Scans aus Büchern und Fotos versorgte. Irgendwann wechselten wir zum „Du“, im September 2015 trafen wir uns endlich persönlich und verbrachten einen wundervollen Tag zwischen Wörtern und Büchern, wobei sie in eindrucksvoller Weise von Deutsch zu Ladinisch oder Italienisch wechselte, wenn sie gerade nicht mit mir sprach.