Die "Lügenpresse"

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Ausschnitt aus "Der Tiroler" vom 08.09.1914 - die vollständige Zeitung ist im Digitalarchiv der Landesbibliothek Dr. Friedrich Teßmann abrufbar

Was haben die Menschen im Gadertal über den Krieg gedacht? Es ist nicht so leicht, mit dem Wissen von heute herauszufinden, was die Menschen früher gewusst und geglaubt haben.

Ein Beispiel: Der obige Ausschnitt aus „Der Tiroler“ zeigt deutlich die Kriegspropaganda des damaligen Kaiserreichs: Die Aufgabe der Stadt Lemberg seitens der Österreicher wird als (freiwillige) strategische Operation dargestellt, weil man die Verluste der Zivilbevölkerung gering halten wollte. Es sei nur eine Frage von Tagen, bis Lemberg zurückerobert wurde. Heutzutage ist bekannt, dass die Österreicher nicht die geringste Chance gegen die anrückende russische Armee hatten. 

Die Zeitungen vermitteln Ruhm und Glorie. Sogar noch, als die ersten „maroden“ und verwundeten Soldaten von der Ostfront zurückkehren und von Massakern und tausendfachem qualvollen Tod berichten. Die Öffentlichkeit tut diese Augenzeugenberichte ab: Die Männer litten unter der Schande, nicht länger auf dem Schlachtfeld stehen zu dürfen, wären traumatisiert und daher nicht glaubwürdig. Erst als es mehr werden und Intellektuelle sich zu Wort melden, schwenken die Zeitungen allmählich um. 

Wer weiter lesen möchte: Die Landesbibliothek Dr. Friedrich Teßmann hat ein großartiges Archiv südtiroler Zeitungen aufgebaut. Ich verwende hauptsächlich Informationen aus „Der Tiroler“ und „Pustertaler Bote“, die Zeitungen, die Elisa und Vito vermutlich gelesen hätten.

Das Archiv vermittelt einen großartigen Eindruck, ist wie ein Fenster in diese Zeit. Manche Tage lese ich mich fest, erfahre von der Hetze gegen Frankreich und Großbritannien, verstehe, welche Rolle der Papst und der italienische König (aus Sicht der Österreicher) spielen und glaube am Ende, die Sichtweise und den Informationsstand, den meine fiktiven Familien damals gehabt haben müsste, verstanden zu haben.