The River

Nahe der vila fließt der Gaderbach. Wer bei „Bach“ allerdings an etwas friedlich Daherfließendes denkt, liegt schrecklich falsch – weshalb der ladinische Name „La gran ega“ = „das große Wasser“ viel treffender ist.

Im Buch werden zwei Hochzeiten gefeiert. Die erste findet 1913 statt, ist eine lustige Sache voller gutem Essen und humorvoller Bräuche. So muss der Bräutigam zusehen, dass er seine richtige Braut zum Altar führt und ihm keiner eine zahnlose Alte unterjubelt. Oder die sarades: Wegsperren aus Menschen, die kleine Aufgabe stellen und die das Paar auf dem Weg zur Kirche überwinden muss. Allenfalls das berechnete Geburtstermin des Kindes (sieben Monate – höchstens!) trübt ein wenig die Stimmung hinter den Kulissen, aber was soll’s?

Das zweite Paar heiratet im Mai 1917, mitten im Krieg. Es fehlt bereits an allem, Vorräten, Kleidung, guter Stimmung. Irgendwann kommt mir daher beim Schreiben Bruce Springsteens „The River“ in den Sinn. Dort heißt es sinngemäß übersetzt: „Wir gingen zum Standesamt und der Beamte erledigte alles. Kein Lächeln am Hochzeitstag, kein feierlicher Zug durch die Kirche, keine Blumen, Kein Hochzeitskleid.“

Eine traurige Angelegenheit – habe ich gedacht. Und dann passiert dieses wunderbar Magische, wie es die allermeisten Autoren schon einmal erlebt haben: Meine Hochzeitsgesellschaft denkt nicht daran, Trübsal zu blasen! Eine Hochzeit hat eine fröhliche Angelegenheit zu sein! Und so feiern sie diese Hochzeit ganz, ganz anders, als ich geplant habe.

Und nach der Feier endet sie am Gaderbach – ganz wie bei „The River“ – nur zum Baden ist es zu kalt.

Die "Lügenpresse"

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Ausschnitt aus "Der Tiroler" vom 08.09.1914 - die vollständige Zeitung ist im Digitalarchiv der Landesbibliothek Dr. Friedrich Teßmann abrufbar

Was haben die Menschen im Gadertal über den Krieg gedacht? Es ist nicht so leicht, mit dem Wissen von heute herauszufinden, was die Menschen früher gewusst und geglaubt haben.

Ein Beispiel: Der obige Ausschnitt aus „Der Tiroler“ zeigt deutlich die Kriegspropaganda des damaligen Kaiserreichs: Die Aufgabe der Stadt Lemberg seitens der Österreicher wird als (freiwillige) strategische Operation dargestellt, weil man die Verluste der Zivilbevölkerung gering halten wollte. Es sei nur eine Frage von Tagen, bis Lemberg zurückerobert wurde. Heutzutage ist bekannt, dass die Österreicher nicht die geringste Chance gegen die anrückende russische Armee hatten. 

Die Zeitungen vermitteln Ruhm und Glorie. Sogar noch, als die ersten „maroden“ und verwundeten Soldaten von der Ostfront zurückkehren und von Massakern und tausendfachem qualvollen Tod berichten. Die Öffentlichkeit tut diese Augenzeugenberichte ab: Die Männer litten unter der Schande, nicht länger auf dem Schlachtfeld stehen zu dürfen, wären traumatisiert und daher nicht glaubwürdig. Erst als es mehr werden und Intellektuelle sich zu Wort melden, schwenken die Zeitungen allmählich um. 

Wer weiter lesen möchte: Die Landesbibliothek Dr. Friedrich Teßmann hat ein großartiges Archiv südtiroler Zeitungen aufgebaut. Ich verwende hauptsächlich Informationen aus „Der Tiroler“ und „Pustertaler Bote“, die Zeitungen, die Elisa und Vito vermutlich gelesen hätten.

Das Archiv vermittelt einen großartigen Eindruck, ist wie ein Fenster in diese Zeit. Manche Tage lese ich mich fest, erfahre von der Hetze gegen Frankreich und Großbritannien, verstehe, welche Rolle der Papst und der italienische König (aus Sicht der Österreicher) spielen und glaube am Ende, die Sichtweise und den Informationsstand, den meine fiktiven Familien damals gehabt haben müsste, verstanden zu haben.

Kriegsbeginn

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Gepäck eines Kaiserjägers des 2. Regiments. Exponat im ladinischen Museum "Ciastel de Tor", Sonderausstellung "1914 – 1918 Jenseits aller Grenzen. Die Ladiner erzählen ihre Geschichte"

Der Erste Weltkrieg wird auch häufig der „Große Krieg“ genannt und als „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ bezeichnet. Das Ausmaß dieses ersten „technisierten“ Krieges ist mir persönlich gar nicht so präsent gewesen – nach meiner Recherche erscheint es mir das schwer begreiflich: Erste Giftgaseinsätze, Maschinengewehrabteilungen, von denen eine einzige ganze Kompanien niedermäht – was passiert ist, denn die Taktik, die bis dahin auf dem Schlachtfeld angewendet wird, lautet: Auf breiter Front anstürmen und feuern, sobald man in Schussweite ist.

Nach der Kriegserklärung Ende Juni beginnt im August 1914 die Russlandoffensive. Elisa ältere Bruder Franz und Anton müssen dem Befehl des Kaisers Folge leisten. Auf Weigerung steht die Todesstrafe. 

Wir erging es ihnen damit? Gab es Euphorie? Hatten sie Angst? Waren sie schlicht pragmatisch? 

Anton Kastlunger ist zu dieser Zeit aktiv bei den Kaiserjägern. Welchen Wissenstand hat er? Wie entscheiden sich Mischi und Rudl, die sich beide freiwillig melden können? Tun sie es?

Und...Vito? Vito, soviel sei verraten, ist zu Beginn der Meinung, dass dieser Krieg ihn so recht nichts angeht. Das ändert sich erst, als Italien 1915 in den Krieg eintritt.