Die Südtirolfrage (Europa 3/4)

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In der Fanes-Sage wurde der falsche König in Stein gebannt. Diese Möglichkeit fällt für heuchlerische Politiker und rechts-nationale Propheten leider aus. (Bildrechte: Veronica Craffonara)

Im Nachwort zu „Ein Tal in Licht und Schatten“ behaupte ich, keine Meinung zur „Südtirolfrage“ zu haben. Das ist ein wenig gelogen.

Wahr ist, dass ich es von meinem geographischen Standpunkt (ca. 700 km nordwestlich) aus gesehen anmaßend finde, ein Urteil darüber abzugeben, ob Südtirol besser zu Österreich gehöre also zu Italien.

Gelogen ist es aber deshalb, weil ich mich tief im Inneren frage, warum diese Frage heute noch eine Rolle spielt. Ganz ehrlich dachte ich sogar, dass sie niemand mehr stellt. Ganz nach dem zweiten Satz des rheinländischen Fatalismus: „Es ist, wie es ist“ bin ich davon ausgegangen, dass sich von wenigen Unverbesserlichen, die sich vielleicht auch Kaiser und Monarchien, Frondienst und Patriarchat zurückwünschen, also von diesen wenigen Unverbesserlichen abgesehen, niemand mehr ernsthaft wünscht, Südtirol solle zu Österreich gehören.

Lenz Koppelstätter zum Beispiel spricht in seinem Bozener Krimi von
„..., einer Provinz, die durch eine Schlamperei der Weltpolitik nach dem großen (sic) Krieg Italien zugesprochen worden war.“ (Der Tote am Gletscher, S. 19)

Das ist sehr charmant und liebenswürdig ausgedrückt.

Ich lese dahinter: Ja, das war sicherlich damals für die Menschen extremst übel und schmerzhaft, und ja, die Sache mit der Option – das ist alles maximal schlecht gelaufen, wirklich. Aber die Welt hat sich seit dem ersten Kriegsende 98 Jahre und seit dem zweiten Kriegsende 71 Jahre weitergedreht. Sollten wir die Dinge nicht langsam einfach mal ruhen lassen, da sie nun einmal geschehen und nicht rückgängig zu machen sind?

Es wird nie wieder so sein, wie es einmal war. Im Guten wie im Schlechten.

So denke ich, und ich habe gedacht, so denken die meisten.

Und dann kommt da die Wahl des Bundespräsidenten in Österreich: Da lese ich über den Kandidaten, der allen Ernstes in einer Rede von sich gibt, Südtirol gehöre zu Österreich. Ich reibe mir ungläubig durch die Augen, denn diese Rede hat er 2015 gehalten.

Dieser Kandidat, der auch noch Hofer heißt und diesen Namen als eine wirre Form von Verpflichtung zu sehen scheint, Süditrol in den Schoß der Habsburgermonarchie (?!?!?) zurückzuführen.

Und zugleich passiert auch noch etwas höchst merkwürdiges, nämlich das „Gegenteil“: Die Österreicher sprechen laut darüber, den Brenner dicht zu machen. Ausgerechnet.

Ganz gleich, wie ich nun zur Südtirolfrage stehe – die Südtiroler haben in meinen Augen die Chance in der Idee Europa erkannt und in der Alpeuregio umgesetzt: Welche Grenzen uns die Politiker der Länder auch vorschreiben, sie reißen die Grenzen in unseren Köpfen nieder und schließen sich auf Basis von Regionen und ihrer Gemeinsamkeiten zusammen. Und da ist der Brenner eine der wichtigsten, wenn nicht gar DIE wichtigste NICHT-Grenze, in meinen Augen ein Symbol für die Überwindung der Landesgrenzen und der Südtirol-Frage mit der Antwort:

Südtirol gehört zu Europa. Punkt.

Den Brenner schließen, Grenzzäune bauen. Über so etwas möchte ich heulen. Das ist Verrat an Europa. Es ist Mist.

  • Teil 1: Die Idee Europa – meine ganz persönliche Betrachtungsweise
  • Teil 2: Grenzgängerin. Leben im Zollgrenzbezirk und ohne Grenze
  • Teil 3: Die Südtirolfrage
  • Teil 4: Was hat das mit diesem Buch zu tun?