Grenzgängerin. Leben im Zollgrenzbezirk und ohne Grenze (Europa 2/4)

mohnblumenfeld
Der Niederrhein. Immer etwas flach. 

Die Grenze zu den benachbarten Niederlanden, konkreter der Provinz Limburg, ist nur ein paar Kilometer entfernt. Ich fühle mich, ich weiß, das tun nicht alle hier, mit den Limburgern verbunden. Wenn mein möglicher Gesprächspartner und ich in den lokalen Dialekt verfallen, verstehen wir uns gut, ich verstehe es sogar besser als hardcore-schwäbisch oder bayrisch.

Als ich klein war, hat mein Vater mir davon erzählt, wie er in den 60ern Kaffee aus den Niederlanden geschmuggelt hat. Das hat jeder getan (was es juristisch nicht richtiger macht). Wir haben in einem „Zollgrenzbezirk“ gelebt, was heißt, so hat man mir damals erklärt, dass der Zoll einen jederzeit anhalten und kontrollieren darf. Ich weiß noch sehr genau, dass ich eine Weile immer die aufgeregte Hoffnung gehabt habe, dass das auch mal passiert. Und wenn man mal in eine Polizeikontrolle kam, erinnere ich mich an diese Mischung aus Erleichterung und Enttäuschung, wenn die nicht das Auto meiner Eltern gefilzt haben (dass die gar nicht zuständig gewesen wären, habe ich natürlich nicht gewusst).

Und so bin ich, statt mit Kontrolle und Nachstellung, damit aufgewachsen, dass eine Grenze eine Formsache ist. So richtig interessiert hat sie niemanden, die Grenzwärterhäuschen waren teilweise schon vor dem Schengener Abkommen verschwunden.

So, habe ich gedacht, soll es weitergehen. Bis es eines Tages keine Grenzen mehr gibt.

  • Teil 1: Die Idee Europa – meine ganz persönliche Betrachtungsweise
  • Teil 2: Grenzgängerin. Leben im Zollgrenzbezirk und ohne Grenze
  • Teil 3: Die Südtirolfrage
  • Teil 4: Was hat das mit diesem Buch zu tun?

  • Exkurs: Subtile Fremdenfeindlichkeit

    Ich habe meine Diplomarbeit über „Fremdenfeindlichkeit und Perspektivenübernahme“ geschrieben. Ich wollte wissen, ob sich Jugendliche hier in Viersen, also in unmittelbarer Nähe zur niederländischen Grenze, in ihren Ansichten über die Niederländer von Jugendlichen unterscheiden, die viel weiter weg wohnen (konkret: in Detmold). Ich habe sehr viel gelesen über Sprache und Vorurteile, über subtile und offene Fremdenfeindlichkeit, Wahrnehmungsfehler, Gruppenprozesse und bin seitdem eher pessimistisch, dass das Bedürfnis nach Abgrenzung in uns Menschen zu tief verankert ist, als dass wir auf Dauer dagegen ankommen.

    Ja, Nähe erhöht das Wissen über das Fremde, zugleich wächst (gerade bei wahrgenommener hoher Ähnlichkeit) das Bedürfnis nach Abgrenzung. (Nachzulesen Seite 144ff). Und so blüht hier, bei einem auf den ersten Blick guten Verhältnis mit den limburgischen Nachbarn, die subtile Fremdenfeindlichkeit, die sich in üblen Holländerwitzen (damit, sie als Holländer zu bezeichnen, fängt es eigentlich schon an.) und anderen "dummen" Bemerkungen widerspiegeln.

    Menschen, die von sich behaupten, keine Vorurteile zu haben, machen sich selbst etwas vor. Wir alle haben sie, wir denken in Kategorien. Wir können gar nicht anders und das ist grundsätzlich auch erst einmal okay: damit machen wir uns die Welt und Informationen überschaubar und handhabbar.

    Wir unterscheiden uns eben nur darin, ob wir drei oder dreißig Kategorien für die Einteilung unserer Mitmenschen nutzen und in unserer Bereitschaft, einen Menschen von einer Kategorie in eine andere zu verschieben, sobald sich die Bewertungsgrundlage geändert hat. Manchen fällt das schwerer, anderen leichter.

    Das ist soweit alles in Ordnung.

    Nicht in Ordnung ist dagegen, auf Vorurteilen zu beharren und subtile Fremdenfeindlichkeit zu bagatellisieren. Und es sollte sich wirklich jeder Mensch einmal gründlich überlegen, wie es um die eigenen Denkmuster bestellt ist. Man muss nicht alle und jeden liebhaben. Aber die gegenseitige Achtung und den Respekt voreinander sollten wir bewahren. Und das ist einer der Grundgedanken von Europa. Und dazu gehört nicht viel - eigentlich.